Champions League - Bastian Schweinsteiger, Fußballgott?

Die Südkurve ruft ihn Fußballgott, doch welchen Ruf hat der 28-Jährige tatsächlich? Der Schritt vom "Schweini" zum Herrn Schweinsteiger ist ihm längst gelungen. Doch jetzt steht er vor einer der größten und wegweisendsten Hürde seiner Laufbahn: das Halbfinale gegen den FC Barcelona und sein persönliches Duell mit Xavi. In diesem ultimativem Kräftemessen werden für Schweinsteiger die Würfel fallen.

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Führt er die Bayern ins Finale: Bastian Schweinsteiger

Bastian Schweinsteiger ist Weltklasse. Daran zweifeln nur wenige. Und doch tun sie es, weil sie ihre Zweifel mit einem berechtigten Argument unterfüttern. Es ist die Nemesis des ständigen Scheiterns im entscheidenden Moment.

Das Kräftemessen mit dem FC Barcelona ist zwar kein Finale. Für Schweinsteiger hingegen hat es durchaus den Charakter eines persönlichen Endspiels. Das Messen mit dem Besten, was der Klub-Fußball seit Jahren zu bieten hat, ist endlich die ultimative Möglichkeit, die letzten Zweifel auszuräumen.

Brillant kicken ist nicht alles

Dafür muss der Fußball-Gott der Südkurve die Bayern gegen Barcelona ins Finale führen.

Nicht mit destruktivem Defensivspiel und Glücksgöttin Fortuna als zweite Latte, dritter Pfosten und zwölfter Mann, wie es dem FC Chelsea in der vergangenen Saison gelungen ist.

Bayern muss Barca und die Welt im wahrsten Sinne des Wortes spielend davon überzeugen, wer Anspruch auf die Krone in der Königsklasse erheben darf. Kleiner geht’s eben nicht, in diesem Duell der Giganten (ab 20:30 Uhr im Liveticker).

Der Zeitpunkt für eine solche Machtdemonstration war nie besser - Schweinsteiger war nie besser. Das liegt einerseits an seiner fußballerischen Klasse, vor allem aber an einem entscheidenden Schritt in der Persönlichkeitsentwicklung.

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Nach der Endspiel-Blamage gegen Dortmund in Berlin, dem Final-Debakel im eigenen Stadion und dem Pannen-Kick gegen Italien bei der EM, hatte sich unter Schweinsteiger der Boden geöffnet. Der Spielgestalter war mental in ein tiefes Loch gefallen, manche Beobachter sprachen von Depression. Dass er sich daraus wieder befreite und zu sportlicher Klasse fand, beeindruckte Matthias Sammer zunächst. "Aber das reicht auf Dauer nicht."

Angsthasen und Charakterköpfe

Der Sportdirektor überraschte die Journalisten im September nach dem 3:0-Sieg über Wolfsburg und einer spektakulären Leistung von Schweinsteiger mit dieser klaren Aussage. Sammer forderte mehr. Er forderte diesen einen letzten Schritt, Schweinsteigers Aufstieg zum Anführer, der er bis dato nicht war, weil er es wohl auch nicht sein wollte. Jedenfalls nicht offiziell.

Denn dass er es kann, hatte Schweinsteiger im Finale gegen Chelsea bewiesen als er zu seinem tragischen Elfmeter angelaufen war. Vom großspurigen "Mir san Mir" war in diesem entscheidenden Moment der Saison auf dem Platz nicht mehr viel übrig geblieben. Unter den Bayern-Stars hatte sich die Spreu vom Weizen getrennt, die Mitläufer von den Charakterköpfen. Gestandene Nationalspieler duckten sich weg und drückten sich vor dem grauenvoll einsamen Gang zum Elfmeter-Punkt.

Schweinsteigers Weg war der einsamste. Und dennoch ging er ihn. Er scheiterte nicht an sich und seinen Nerven, sondern nur am Pech und dem verflixten Pfosten. Doch aus den Trümmern der Verzweiflung wird der Charakter erbaut, heißt es. Das sah wohl auch Sammer so. Für Schweinsteigers selbst gewählte Zurückhaltung in der Führungs-Frage hatte er kein Verständnis.

"Bastian ist ein außergewöhnlicher Spieler. Er muss für den Verein aber auch verbal die Verantwortung als Führungsspieler übernehmen", forderte er damals vor über einem halben Jahr und fügte mit Nachdruck an: "Das müssen wir ihm immer wieder sagen." Das psychologische Modellieren war erfolgreich, Schweinsteiger passt in seine neue Rolle.

Eine ordnende Naturgewalt

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Man spürt das, wenn man ihn live im Stadion spielen sieht. Mit unerlernbarer Spielübersicht, einer selbstverständlichen Eleganz in den Bewegungsabläufen und einer fantastischen Technik löst er Situationen selbst in schier unlösbarer Bedrängnis. Neu ist nun die enorme Präsenz.

Schweinsteiger gestikuliert, ordnet und dirigiert - gerne auch beidarmig wie ein chinesischer Verkehrspolizist in der Pekinger Rush-Hour. Er brüllt Befehle, staucht Mitspieler zusammen und schaltet als "SchweinsTiger" in den "Effenberg-Modus", wenn Gegenspieler herausfinden wollen, ob diese Bayern-Mannschaft nach Mark van Bommel denn nun endlich mal wieder einen Ansager auf dem Platz hat.

"Es ist ein Hochgenuss, an seiner Seite auflaufen zu dürfen", schwärmt Javi Martinez. "Er ist ein Stier, eine Naturgewalt. In schwierigen Momenten hat man immer eine starke Persönlichkeit an seiner Seite."

Schlichtweg überlebensnotwendig

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Eine Persönlichkeit, die einer Münchner Rekord-Saison ihren Stempel aufdrückt. Schweinsteiger ist im Spiel der verlängerte Arm von Jupp Heynckes, der ihn als "Dirigent" und "Ruhepol" wertschätzt. Mehr noch, Bayerns neuer Leader sei für dieses Team schlichtweg "lebensnotwendig".

Aus der viel zitierten flachen Hierarchie ragt also eine scharfe Spitze heraus. Der Erfolg des Teams, bestätigt Heynckes, "hängt ein Stück davon ab, wie er spielt."

Am Dienstag mehr denn je. Aber Schweinsteiger ist bereit. Bereit für das spielentscheidende Duell gegen Xavi und bereit für den FC Barcelona. Die Bayern brauchen seine Weltklasse für den finalen Schritt ins Endspiel.

Und die Zweifler? Sie brauchen endlich eine Lektion.

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