Olympische Spiele - Kurz vor Olympia: Sotschi droht Chaos

Sotschi steht bis zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele am Freitag noch ein gewaltiger Kraftakt bevor. Eine Vielzahl der Hotelzimmer und Unterkünfte befindet sich kurz vor dem Auftakt des teuersten Prestigeprojekts in der russischen Geschichte noch immer im Bau. Vor allem in der Bergregion scheint durch die Mängel, in denen sich auch ein Olympisches Dorf befindet, das Chaos vorprogrammiert.

SID
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Sotschi gleicht nach wie vor einer großen Baustelle

Große Probleme gab es in Teilen des aus dem Boden gestampften Bergareals rund 40 Kilometer von Sotschi entfernt schon am Wochenende. Journalisten aus aller Welt wurde - wenn überhaupt - erst nach stundenlanger Warterei ein Zimmer in den Wohnkomplexen zugewiesen, da die von ihnen gebuchten nicht bezugsfertig waren. Kevan Gosper, dem australischen IOC-Mitglied und Vorsitzenden der Medienkommission, platzte in einer Sitzung mit internationalen Nachrichtenagenturen der Kragen, als er erfuhr, dass in der Bergregion erst drei der 20 Hotelkomplexe komplett fertiggestellt sind.

An höchster Stelle verbreitet man derweil demonstrativ Zuversicht. "Es wird in den kommenden Tagen noch den letzten Schliff geben, aber das ist ja nicht neu", sagte ein gut gelaunter IOC-Präsident Thomas Bach am Freitag bei seiner Ankunft am Schwarzen Meer: "Insgesamt kann man sagen: Sotschi ist bereit."

"Risiko größer als die terroristische Bedrohung"

Das deutsche Team ist von den Problemen (noch) nicht betroffen. Allerdings sind die ersten Athleten, die nach Sotschi gereist waren, auch im Olympischen Dorf im "Coastal Cluster" direkt an der Küste untergebracht. Am Samstagabend trafen die ersten Freestyler in den Bergen ein. "Es gibt bislang keine Probleme", sagte DOSB-Pressesprecher Christian Klaue, "auch wenn hier und da noch der Feinschliff fehlt".

Fehlender Feinschliff trat in zahlreichen Journalistenunterkünften in vielfältiger Form zutage, auch in der Talregion: Offene Kabelstränge, die in Zimmern aus der Wand ragten, Baustaub auf hastig installiertem Interieur, fehlende Einrichtungsgegenstände oder vom Bau verdreckte, schlecht verlegte Teppichböden. Zu allem Überfluss versank die Stadt und vor allem die zahlreichen Baustellen nach Dauerregen am Freitag auch noch im Schlamm.

Tausende Gastarbeiter hatten die Bettenburgen in der Olympiastadt hochgezogen, wegen ihrer miserablen Behandlung waren die russischen Organisatoren weltweit in die Kritik geraten. "Ich halte das Risiko, das die Bauwerke darstellen, für größer als die terroristische Bedrohung", hatte der russische Regimekritiker Boris Nemzow gesagt: "Wenn alle Besucher überleben, ist das ein großer Erfolg. Dies ist kein Scherz."

"In zehn Jahren wird man diesen Druck spüren"

Auch IOC-Mitglied Gianfranco Kasper gab sich im SID-Interview kritisch. "Wie baut man in so kurzer Zeit 25.000 bis 30.000 Hotelbetten auf?", fragte der Schweizer: "Wenn's Probleme gibt, wenn es ein Loch in der Wand hat - naja, Farbe drüber, das merkt man im Moment nicht. Aber spätestens in zehn Jahren, da wird man diese Geschwindigkeit, diesen Druck natürlich spüren." Russland hat knapp 40 Milliarden Euro in die teuersten Spiele der olympischen Geschichte investiert.

Thomas Bach suchte am Samstag lieber die Nähe zu den Athleten als ein Haar in der Suppe. Bei einem rund einstündigen Mittagessen in der Mensa des Olympischen Dorfes tauschte sich der 60-Jährige mit zahlreichen Athleten aus. "Er hat sich sehr interessiert gezeigt", sagte die deutsche Eishockey-Spielerin Susann Götz nach dem Treffen. Besonders beeindruckte der Top-Funktionär die Berlinerin durch seine Höflichkeit: "Er hat uns allen den Nachtisch geholt."

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